2017 - Idylle II, Galerie Lake, Dr. Anna Heinze (Landesmuseum Oldenburg)


29 Apr

Idylle II


24. November 2017, Galerie Lake, Oldenburg

„Idylle II“ heißt diese Ausstellung, und es erscheint mir – wie so oft bei diesen ganz selbstverständlich daherkommenden Begriffen – notwendig, zunächst zu fragen, was eigentlich eine Idylle ist. Im allgemeinen verstehen wir unter einer Idylle eine beschauliche, friedliche und schöne Landschaft. Der humanistisch Gebildete wird vielleicht wissen, dass es sich um eine epische Gattung, nämlich die in ihren Ursprüngen antike literarische Form des Hirtengedichts handelt, in der das ländliche Leben verklärend thematisiert wird. Sinnbildlich für die Idylle steht der locus amoenus, der liebliche Ort. Diejenigen, die des Griechischen mächtig sind, ergänzen womöglich, dass sich das Wort Idylle von „eidýllion“ ableitet, was „Bildchen“ bedeutet, nämlich das Diminutiv von „eidos“, das das zu Sehende/die Gestalt/das Bild meint. Damit sind schonmal zwei für uns nicht ganz unwesentliche Aspekte benannt: die verklärende Idealisierung, die sich in oder an einem Ort manifestiert, und der Bezug zur Bildlichkeit, dass also etwas eine Form verliehen bekommt. Beide Aspekte führen direkt in das Zentrum von Kunst und Malerei, deren Anliegen es ist, Dingen – oder auch Zuständen, Gefühlen oder sonstigen abstrakten Begriffen – eine Gestalt zu geben und zugleich möglich zu machen, was in der Wirklichkeit nicht sein kann. Dabei kennzeichnen weniger eine Handlung als die Dominanz des Räumlich-Zuständlichen die Idyllen, die als Gegenentwurf zur Realität einen mit der Utopie verwandten Topos darstellen. Somit dienen Idyllen also als eine Erweiterung und Idealisierung der Realität in der Kunst.

Es gibt allerdings eine weitere Dimension der Idylle, die eher selten genannt wird, mir aber doch sehr faszinierend zu sein scheint. Und das ist die Nähe zum Abgrund. Die Idylle am Abgrund beschreibt eine Konstellation voller aufregender Widersprüche und Spannungen, und damit komme ich zu den Werken der hier ausgestellten Künstler Michael Ramsauer, Leif Trenkler und Armin Völckers.

Die Frau im kurzen Kleid und mit roten Schuhen am Pool in Leif Trenklers Gemälde „Das Telefonat“ (2016) steht gleichsam am genannten Abgrund. Sie muss in ihrer perfekt komponierten, in reinsten Farben erstrahlenden und mit spiegelnd glatter Oberfläche versehenen Welt nur einen Schritt zurück tun und wird fallen. Es ist im übrigen auch genau dieser Abgrund, der uns Betrachter von der Szenerie trennt. Durch den geschickt gewählten perspektivischen Zuschnitt lässt der Maler uns ebenso an jenem Abgrund stehen wie die Rückenfigur. Über Rückenfiguren in der Kunst zu sprechen ist kaum möglich, ohne Caspar David Friedrich zu nennen, der wohl die berühmteste aller Repoussoir-Figuren, den Wanderer über dem Nebelmeer nämlich, schuf, der als Identifikationsfigur für den Betrachter dienen soll, mit Hilfe derer er sich in den Bildraum hineinversetzen kann. Trenkler setzt sich über diese Tradition hinweg. Seine Rückenfigur ebnet uns nicht den Weg in den Bildraum.

Vielmehr vermittelt sie uns, dass wir lediglich Beobachter der Szenerie sein können, getrennt von ihr durch den scheinbar unüberwindbaren Abgrund des Pools, der uns das Bildzentrum als stille, tiefblaue Leere präsentiert. Diese Leere bricht die Idylle und lässt den Betrachter mit der leisen Ahnung zurück, dass da wo ein locus amoenus ist, auch ein Abgrund sein kann.

Diese Ahnung beschleicht einen auch beim Betrachten von Michael Ramsauers Figuren in Landschaften. Trotz ihrer fast skulptural anmutenden Haltungen wirken sie dennoch verletzlich und körperlos wie tanzende Geister. Aufgrund der Deformation der Gestalten, die sich in einzelne Pinselstriche aufsplittern, bleibt unklar, ob der Moment der Auflösung oder der Manifestation der Figur in der Landschaft dargestellt ist. Ramsauers Figuren lassen durch ihre Transparenz den Raum durchscheinen. Dieser ist geprägt durch die Landschaft, die im Gegensatz zu den Gestalten satt und massiv wirkt. Der expressive Pinselduktus verweigert sich einer nur abbildenden Malerei und schafft durch seine Unschärfe Offenheit. Doch auch Ramsauer hebt sich von seinen Vorgängern ab. Dass, was bei den Expressionisten der Klassischen Moderne die Suche nach einem harmonischen Einklang von Mensch und Natur und einem unbeschwerten Sein in idyllischer Umgebung gewesen ist, wird bei Ramsauer durch die malerische Verschmelzung von Figur und Landschaft einerseits und durch deren materielle Gegensätzlichkeit andererseits zu einer viel subtileren Szenerie. In dieser entziehen sich die Figuren uns als Betrachtern und rekurrieren in ihrer Vereinzelung eher auf die romantische Landschaftsmalerei, in der immer auch ein Hauch von Melancholie mitschwingt.

So auch in den Gemälden von Armin Völckers. Vermitteln sie im ersten Moment den Eindruck von Landschaftsgemälden des 19. Jahrhunderts, offenbart sich auf den zweiten Blick der mittels verschiedener, künstlerischer Strategien erzeugte Anachronismus, der den Verlust von etwas Vergangenem mit sich trägt. Das Gemälde „Jonny Depps Childhood“ beispielsweise hat ein eindeutiges kunsthistorisches Vorbild: William Stotts „The Bathing Place“ von 1882. Kleinste Details wie die Grashalme im Bildvordergrund stimmen mit dem Gemälde des englischen Malers überein, doch Völckers schafft keine Kopie, sondern lässt in seiner Version die zentrale Figur weg. So bleiben bei ihm zwei nackte Badende, von denen die Figur im Wasser – so suggeriert es zumindest der Titel – der Schauspieler Jonny Depp im Idyll seiner Kindheit sein könnte. Dass diese glücklichen Tage längst vorbei und der Hollywood-Schauspieler inzwischen mehr durch eine schmutzige Scheidung als durch seine Filme Schlagzeilen macht, verleiht der Szenerie eine Vanitas-Dimension, die an die Vergänglichkeit auch der glücklichsten Idylle gemahnt.

Es sind solche Brüche in den Idyllen Trenklers, Ramsauers und Völckers, die sie zu zeitgenössischen, vielleicht auch zeitgemäßen Idyllen machen, die sich von ihren kunsthistorischen Vorläufern abheben. Worin sie alle die Tradition fortsetzen, ist die Frage nach dem Verhältnis zwischen Welt und Individuum. Dabei haben wir es überwiegend mit entpersonalisierten Gestalten zu tun, die keineswegs die Protagonisten der Bilder sind. Die Umgebung – und auch das ganz im modernen Sinne muss nicht die Natur, sondern kann ebenso der Stadtraum oder der private Raum des Swimmingpools sein – diese Umgebung also dominiert die Kompositionen und fungiert als Projektionsfläche. So fällt auf, dass das Wasser fast überall eine wichtige Rolle spielt. Es ist konstituierender Bestandteil für den locus amoenus und als Ort der künstlerischen Inspiration im übrigen als Topos genau so alt wie die Idylle selbst. So galt den antiken Dichtern die Quelle in Delphi auf dem Parnass – also dem Berg, der Apollon und den Musen geweiht ist – als Ort der Eingebung. Ob als Quelle, Bach, See oder Meer – das Wasser bildet kompositorisch die horizontale Ebene zu den vertikal aufragenden Bildelementen wie Figuren oder Bäumen sowie als Spiegelfläche das Gegenstück zum Himmel. Und wie verschieden die Wasseroberflächen daher kommen! Eindrücklich führen die drei Künstler vor, mit wie vielen Farben und unterschiedlichen Akzentuierungen Wasser gestaltet sein kann. Trüb und von Nebenschwaden überzogen schafft es eine fast mystische Stimmung in den Werken Michael Ramsauers; Ufer und Himmel spiegelnd, dabei leicht unscharf meinen wir, es in den Gemälden Armin Völckers‘ plätschern hören zu können; funkelnd und flirrend blenden uns die gleißend hellen Lichtreflexe in den Bildern von Leif Trenkler.

So sehr sich in der malerischen Behandlung des Wassers die stilistische Unterschiedlichkeit auch zeigt: Alle drei Maler sind Vertreter der Neuen Figuration. Leif Trenkler, der in Köln lebt, hat an der Städelschule und der Kunstakademie Düsseldorf u.a. bei Thomas Bayrle studiert; Armin Völckers aus Berlin studierte an der UdK in Berlin und ist auch als Filmemacher tätig; und Michael Ramsauer kennen Sie als Oldenburger natürlich. Er widmete sich zunächst der Kunstgeschichte und Klassischen Archäologie, bevor er dann in Bremen Malerei studierte.

Die figurative Malerei hat die Gegenständlichkeit zum Prinzip hat – wie im übrigen auch diese Galerie, was keineswegs selbstverständlich ist. Denn diese vom Kunstsystem lange und immer wieder ausgegrenzte Auffassung von Malerei muss sich stets erneut dem Vorwurf stellen, nach dem Informel, der Konzeptkunst, inzwischen auch der Post-Internet-Art etc. retrospektiv zu sein. Die hier präsentierten Künstler beweisen das Gegenteil. Ohne einen Paragone der Gattungen heraufbeschwören zu wollen, möchte ich behaupten, dass die Idylle am Abgrund nirgends so eindrücklich – im wahrsten Sinne des Wortes – vor Augen geführt werden kann, wie in der Malerei. Die erwähnte stilistische Spannweite – von Leif Trenklers neusachlicher über Armin Völckers postimpressionistischer bis zu Michael Ramsauers expressionistischer Malweise, sämtliche in innovativer Manier – ist dabei groß. Dass alle drei im übrigen auch ganz anders können, sei hier nur am Rande erwähnt und kann vielleicht Thema einer nächsten Gruppenausstellung sein...

Wenn in den gemalten Idyllen also mitunter der Abgrund auch mitschwingt, so finden wir auf der anderen Seite natürlich ebenso das Hoffnungsvolle und die Zuversicht, auch wenn es ein wenig abgeschmackt klingen mag: das Licht am Horizont. Und hierauf möchte ich – um Sie nicht am Abgrund zurückzulassen – am Ende noch kurz eingehen.

Alle drei Künstler verbindet der souveräne Umgang mit Licht und Farbe. Immer wieder strahlen die Werke aus sich selbst heraus und verfügen über eigene Lichtquellen. Ramsauers tanzende Lichtgestalten – sind es Venus und Amoretten? – scheinen direkt dem gleißend hellen Lichtball entsprungen, der sich wie eine Explosion über die Bildfläche ausdehnt, so dass wir denken, das Licht würde sogleich den Bildraum verlassen und die Galerie erhellen; bei Armin Völckers schaffen gekonnt platzierte helle und dunkle Farbpartien Licht-/Schatten- Effekte, hinzu kommen gezielt gesetzte Farbakzente – schauen Sie nur, wie das Licht der Sonne durch die Ohren des Hundes scheint! Und Leif Trenkler nutzt bei seinen neuesten Werken gar das reelle Licht. Sie sind – und das ist technisch wirklich bemerkenswert – auf Spiegelfolie gemalt, mittels derer er das Licht der wirklichen Welt ins Bild holt, die Grenze zwischen Betrachter- und Bildraum also auf umgekehrte Weise aufhebt wie Michael Ramsauer.

Es ist erst dieses Licht, das die Idylle schafft. Ohne es sähen wir düstere Wälder, dunkle Gewässer, tote Szenerien. So aber sehen wir die Gegenbilder zur digitalisierten und globalisierten Realität, Orte, an die wir uns träumen. Das Triumvirat Ramsauer, Trenkler und Völckers schenkt uns – die klassische Gattung der Malerei dabei immer wieder erneuernd – diese Gegenbilder mit ihren Räumen, in denen noch Platz für uns ist. Der Abgrund rückt dann – und so soll es sein – in weite Ferne. Ich denke, für jeden hier ist eine Idylle dabei – je nachdem, ob er oder sie sich müßig in der Sonne liegend, in harmonischer Natur spazieren gehend oder ein Glas gekühlten Champagner trinkend sieht. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen viel Vergnügen dabei, in diesem großartigen Angebot, das Ralf Lake hier in seiner Galerie präsentiert, Ihre persönliche Idylle zu finden.

Anna Heinze

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