2015 - Funerary, Claudia Hart und Armin Völckers, Friedhofsmuseum Prenzlauer Berg


29 Apr

Im Labyrinth der Erinnerung

Als Claudia Hart ernsthaft in Erwägung zog, mit mir auszustellen war ich überrascht und begeistert - nicht nur, weil sie eine jahrzehntelange Erfahrung auf einem der interessantesten, wenn nicht dem interessantesten Gebiet der Gegenwartskunst hat, sondern auch weil sie einen ganz anderen Ansatz verfolgt, als man auf diesem von Technologie und Kalkül dominierten Gebiet erwartet. „Ich bin Romantiker, aber ich setze Romantik strategisch ein“, meinte sie. Aha, dachte ich, das verbindet uns, nur ist es bei mir irgendwie umgekehrt, ich habe zwar ein paar vage bildnerische Strategien, doch dann romantisiere ich (und auch nicht immer mit Erfolg).

Mein Leben weist zur Zeit zwei halbe Bögen auf: eine angefangene Laufbahn als Bildender Künstler und eine als Drehbuchautor und Regisseur. Als ich mich entschloss, wieder zur Kunst zurückzukehren überlegte ich, wie ich sinnvollerweise meine Vergangenheit, meine künstlerische Absicht und meine mäandrierenden Ideen unter einen Hut bringen könnte. 

Die Antwort fand ich in den experimentierfreudigen Arbeiten vieler Post Internet Künstler (ich weiß das Wort ist belastet). Wie der Internetnutzer die Informationsflut erlebt, so lassen sie ebenfalls völlig verschiedene Erfahrungsebenen, Medien, Epochen oder Gefühlsinhalte aufeinanderprallen um anschließend zu gucken, was dabei Neues herauskommt. Es ist den Teilchenbeschleunigern nicht unähnlich, bei denen man versucht aus den Trümmern Erkenntnis zu gewinnen.

Da ich ein riesiges Archiv von Fotografien, fotografierten Bildern (die ich gemalt hatte) und anderen Aufzeichnungen besitze, die ich inzwischen digitalisiert habe, dachte ich mir, ich könnte doch mal etwas ähnliches mit meinen alten Bildern und Fotos probieren. Es gab mehrere Optionen: zunächst das Collagieren, also das „Aufeinanderprallen“ Experiment, von losen Assoziationen bis hin zu eher dramatischen Gegensätzen. Zweitens, das Freilegen von Erinnerungsmustern, die mir zum Teil selber entfallen waren. Anders gesagt, ich entdecke in letzter Zeit durch das Internet Zusammenhänge in meinen Bildern, die mich verblüffen. Zum Beispiel hatte ich ein Bild in den 90ern gemalt, das die fast exakte Reproduktion einer Werbung aus den 70ern war. Nur hatte ich diese Werbung zu dem Zeitpunkt längst vergessen. Warum malte ich dieses Motiv daraus, und warum hat mich dieser unbewusste Bildinhalt so nachhaltig fasziniert? 

Drittens habe ich plötzlich die Chance, alte Bilder, mit denen ich nicht zufrieden bin in digitaler Form „weiterzumalen“, also präziser oder umfassender zu dem Bild zu machen, das ich ursprünglich beabsichtigte. Dazu muss ich wiederum das Internet benutzen, um mir ergänzendes Bildmaterial zu beschaffen. Sonst müsste ich ja wieder alles von vorne malen. Das Gute am Computer ist, dass man alle Versionen gleichzeitig behalten kann - ein gemaltes Bild ist eine Reihe von Zerstörungen, und manches gute Bild wird auf diesem Wege vernichtet.

Ich denke ich bin noch sehr am Anfang mit dieser Entdeckung, und daher wollte ich in der Ausstellung mit Claudia die Gelegenheit ergreifen, diesen Anfang einfach mal zu setzen. „Funerary“ bedeutet für mich insofern ein fröhlicher Abschied von Gestern. Der alte Armin, der Pinselschwinger, begräbt seine vormalige Kunst in der Prenzlauer Allee 1. Das Entscheidende an einem Begräbnis ist ja nicht der Tote, der ist jetzt in der Ewigkeit - es sind die ganzen Leute, die man trifft, und mit denen man zwangsläufig über die Vergangenheit redet. Ich rede sozusagen mit meinen Erinnerungen über andere Erinnerungen, und der Betrachter wird Teil dieses Dialogs.

Das ist für mich ein romantischer Gedanke, denn man teilt ja als Künstler nicht wirklich die Erinnerung mit dem Betrachter - weil sie oder er nicht das Original besitzt. Man teilt eher die Einsamkeit der Interpretationshoheit. Ich bevorzuge es daher sogar, wenn sich nichts fertiges ergibt, keine Deutung. Es ist meiner Meinung nach schöner, wenn das Labyrinth der Erinnerung wie ein Beschleuniger funktioniert, der den Betrachter anregt und ihm einen Energieschub verleiht, und dann ist es dem Betrachter überlassen, auf dem Trümmerfeld nach verwertbaren Informationen zu suchen, oder auch nicht. Ich finde es wird tendenziell immer etwas zuviel gesucht, anstatt diese Anregung einfach mal auf sich wirken zu lassen.

Ich möchte auf diesem Wege noch einmal ganz herzlich Martin Ernerth dafür danken, dass er uns die Chance gab, im Friedhofsmuseum auszustellen. Auch uns verbindet eine Erinnerung: wir haben zusammen Zivildienst gemacht.

Armin Völckers

5. Juni 2015







Geplant sind Ausstellungen in der Galerie Lake in Oldenburg sowie in der Galerie Schimming (Kunstclub) in Hamburg.


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